Foto: Ingmar Muusikus
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Als ich vor kurzem in Berlin auf Wohnungssuche war, habe ich festgestellt, dass Estland, das mit seinen 1,35 Millionen Einwohnern erst kürzlich seinen 91. Geburtstag feierte, nicht wirklich bekannt ist. Dadurch, dass einer unserer Nachbarn Russland ist, werden wir automatisch als slawisches Land mit slawischer Sprache betrachtet. Schon beim Begriff der „Baltischen Staaten" wird oft die Verbindung zum Russischen hergestellt, dabei ist Estnisch eine der drei finno-ugrischen Sprachen – zusammen mit dem Finnischen und Ungarischen.
Wenn man nach Estland googelt, kann man ohne Zweifel alle historischen Ereignisse und Kennzahlen finden; was man dort aber nicht lesen kann, ist, dass die Esten als eher kaltes und konservatives Volk bekannt sind: Bei einer Umarmung berühren wir uns nur minimal und wir sind ein wenig apathisch. Noch weniger bekannt sind die Traditionen unserer Inseln und die linguistischen Unterschiede kleinerer Gemeinschaften wie beispielsweise die der Kihnu.
Die Insel der Motorräder
Auf der sieben km langen und 3,3 km breiten Insel Kihnu, hauptsächlich bedeckt von Sand und Kiefernwald, leben rund 600 Einwohner. Für mich ist Kihnu vor allem wegen der legendären Geschichten über die Frauen der Insel bekannt, die noch immer jeden Tag ihre nationalen Trachten tragen und mit alten russischen Ms and Izhs – Motorrädern mit Seitenwagen - herumfahren. Eigentlich ist das keine Legende: Es gibt dort noch immer rund 30 fahrbereite Motorräder dieser Art: Acht oder neun Ms, die restlichen sind Izhs. Anstelle des Seitenwagens haben die meisten eine Holzkiste aus Brettern, da sich mit dieser Art Kiste besser Fische und Netze transportieren lassen. Und warum sind die Motorräder in Kihnu so sehr geschätzt? Im Winter eignen sie sich wegen des geringen Gewichts, um über das vereiste Meer zu fahren, und wenn nötig, kommt man leichter vom Motorrad als aus dem Auto raus.
Kiefern zu Weinachten
Auch die Traditionen zu bestimmten Gedenktagen unterscheiden sich von denen der kontinentalen Esten. Zu Weihnachten kommt kein Tannenbaum sondern eine Kiefer ins Haus, einfach weil auf Kihnu zu wenig Tannenbäume wachsen und die Kiefer länger ihre Nadeln behält. Auch die Feier zum Johannistag am 24. Juni (Jaanipäev) unterscheidet sich auf Kihnu von anderen durch ein für die Insel gemeinsames großes Feuer: das Jaan-Feuer. Alle in der Nähe lebenden Männer, die Jaan heißen, zünden zusammen ein altes Boot an. Nach dem Entzünden und dem Betrachten der Schönheit des Feuers, geht der Abend weiter mit Tänzen. Fast alle Bewohner von Kihnu kommen zum Jaan-Feuer zusammen.
Was sonst ist besonders an Kihnu?
Zusätzlich zum eigenen Dialekt („Kihnu kiel") haben sich stärker alte Traditionen erhalten. In Kihnus Kulturraum ist das wichtigste Ritual die Kihnu-Hochzeit.
Das Freien ("kosjad")
Es ist Brauch in Kihnu vor dem Heiraten auf „Freite" zu gehen. Der Bräutigam und der Brautführer gehen zusammen mit nahen Verwandten am Abend des Antrags zur Braut. Der Bräutigam kümmert sich um die Getränke, die Braut um das Essen. Die jungen Frauen aus der Umgebung finden sich im Haus der Braut ein. Braut und Frauen verstecken nun ihre Köpfe unter Tüchern und der Bräutigam muss unter ihnen seine Braut erkennen. Ist die Braut gefunden, fangen sie an zu tanzen, zu essen, zu trinken und dann wieder zu tanzen bis in die späte Nacht. Wenn am Ende des Abends dem Bräutigam ein Stoffgürtel überreicht wird, bedeutet das, dass der Antrag akzeptiert wurde.
Nach dem Antrag wird die Hochzeit geplant, die im Allgemeinen im nächsten Sommer stattfindet. Die Braut muss sich bis dahin um den Brautkasten („veimevakk") kümmern: Bei der Hochzeit müssen für den Bräutigam und seine Familie genügend Handarbeiten vorbereitet sein. Wenn nicht, werden die Frauen des Dorfes zusammengerufen, um der Braut beim Herstellen der fehlenden Arbeiten zu helfen.
Die Hochzeit
Die mündlich überlieferten Rituale der Kihnu-Hochzeit umfassen bestimmte Gesänge (überwiegend "Regi"-Lieder) und die Handarbeiten (Brautkasten) und stehen für eines der wichtigsten lokalen kulturellen Ereignisse. Wenn sowohl Braut als auch Bräutigam von Kihnu sind, wird die Hochzeit zweiseitig gefeiert: Sowohl Braut als auch Bräutigam richten jeweils ein Fest aus. Die Hochzeit dauert drei Tage und besteht aus vielen Traditionen, die von "Regi"-Liedern begleitet werden: Das Transportieren des Brautkastens zum Haus des Bräutigams und das Überreichen der Handarbeiten, das Schmücken der frisch verheirateten Frau, die Hochzeits-Sauna und am Ende das gemeinsame Aufräumen. Alle Verwandten, Nachbarn und Freunde werden zur Hochzeit eingeladen. Die jungen Mädchen, die bei der Vorbereitung des Essens und der Übergabe des Brautkastens helfen, werden „umbruk" genannt. Andere wichtige Rollen übernehmen der „kink", der verantwortlich ist für die Getränke bei der Feier, der Brautführer, der beste Freund des Bräutigams, und der „veli", der Bruder oder ein anderer jüngerer Verwandter der Braut.
Die heutige Jugend von Kihnu zieht ein Zusammenleben ohne Heirat vor, sodass die Hochzeitstraditionen langsam aussterben. Grund dafür sind wohl die steigenden Lebenshaltungskosten und ein Wechsel in den Wertevorstellungen. 1994 wurde eine Stiftung für Kihnu Hochzeiten ins Leben gerufen, um den Erhalt dieser Tradition, die ansonsten immer weniger in dieser Weise gepflegt werden würde, zu unterstützen.
Die UNESCO hat 2003 beschlossen, den Kulturraum Kihnu zusammen mit den Aufführungen baltischer Lieder und Tänze in die Liste des Kulturerbes der Menschheit aufzunehmen.