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01.08.2007

Niedergang

Fatma SÖNMEZ
Die Annahme, dass die Zeit ein Kreislauf sei, ist zentral für das östliche Denken. Dabei geht es eigentlich um eine Erzählung von der Vorausbestimmtheit bzw. Schicksal, d.h.. von dem Leiden der Wirklichkeit, aus dem es kein Entkommen gibt. Was könnte da die Bedeutung des einzelnen Individuums sein? Buddas fassungsloses Erstaunen vor diesem Kreislauf lässt ihn zu dem Gedanken des Nirvana gelangen: Wenn das Schicksal ein absoluter Kreislauf ist, aus dem es kein Entrinnen gibt, sollte man auch nicht vergeblich versuchen, ihm zu entkommen. Statt dessen sollte man in Selbstversunkenheit verharren. Wenn das Leben jedoch ein vor uns fließendes Wasser ist, dann sollten wir die gleichgültige Ruhe einer Platane bewahren, die das Strömen des Flusses verfolgen kann, sich aber nicht in die Strömung hineinziehen lässt. Unser Nirvana sollte alles jenseits dieses Strömens sein, eine abgeklärte Ruhe jenseits des Windes, eine Stille, die auch die Kraft des Wassers hinter sich gelassen hat.

Eben diesen Kreislauf der Wirklichkeit des Ostens erzählt Elif Şafak in ihren Romanen meisterhaft. Was aber den neuen Roman von der metaphyischen Welt losreißt, ist die Überlegung, was alles ein kleiner Schritt gegen diesen Kreislauf ausrichten kann. Inwieweit wir von hieraus zur Quantenphilosophie überspringen können, weiß ich nicht. Aber in dem Roman wird fühlbar, dass nichts durch rohes Handeln erlangt wird. Der Kreislauf und die quantische Verstricktheit erzählen die Trägödien des Lebens und dessen Wirkung von allem auf alles, also die Wirklichkeit der Verstricktheit, die heute erlebte Geschichte.

In dem Roman "Vater und Bastard" wird der Zustand des Niederganges erzählt, den die Geschichte unserer Zeit hinterlassen hat. Und zwar den schweren und unerträglichen Zustand des Niedergangs, in dem eigentlich derjenige, der, obschon ohne Schuld und ohne irgendeinen Anteil daran gehabt zu haben, heruntergekommen ist, gezwungen ist, diesem Zustand zu begegnen und mit ihm abzurechnen. Genau das spiegelt die durch die Person Asya symbolisierte Situation wider. Şafak erzählt den Niedergang, indem sie eine Parallele zwischen Person und Geschichte der Gesellschaft bildet: das bewusste Vergessen der Geschichte und der Ahnen, die nicht mehr gesucht werden, auf die keine Neugier mehr besteht. Auch wenn dein Unwille, hinter dich zu blicken, nicht aus dir stammt, gibt es diese Wirklichkeit dennoch, und zwar die, die dich erschaffen hat. Und schlicht aus diesem Grund ist es nötig, dass du zurückblickst. Was uns im Roman als heilig verkündet wird, ist eigentlich nicht buddhistische Ergebung. Der Kreislauf ist keine bloße Wiederholung. Aber wenn der Niedergang schon verinnerlicht ist, dann sollte man keine Rettung suchen. Dann sind in der Tat gesellschaftliches Chaos und Katastrophe der Vergangenheit der heutige Kosmos geworden. Zu existieren, indem man das Vergangene als nichtig erachtet (die Türken), oder andauernd existieren mit dem Vergangenen (die Armenier) ist eigentlich dasselbe. Wir stehen einem auf einem Bein laufenden, beschädigtem Leben gegenüber. Indem sie ihre Geschichte und das Vergangene gegenüber der Wirklichkeit der heruntergekommenen Türkei vergessen, bauen die Menschen auf dem Schmerz ihrer Vergangenheit antike Werte auf, hinter denen sie sich verbergen und nur beschuldigend Entschuldigung erwarten. Den ganzen Roman hindurch wollte ich mich von der armenischen Wirklichkeit, die meinem eigenen Leben nahe steht, lösen und in eine andere Region der Wirklichkeit übergehen. Ich habe verstanden, dass von Asya Entschuldigung zu erwarten, in Bezug auf dich den Schmerz nicht verändert. Aber es würde ein Bild hervorbringen, das die bloße Wiederholung des Kreislaufes durchbricht, und das wäre schon einiges. Eine aus dem Chaos errettete gewalttätige Wirklichkeit wird nicht mehr Niedergang sein. Und das ist nicht wenig.



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