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Coyote - Interview mit Chema Rodríguez

Die Mehrheit wandert nicht aus wirtschaftlichen Gründen aus

Maria Montes
Coyote
Die Mehrheit wandert nicht aus wirtschaftlichen Gründen ausMaria Montes

Das Projekt gleicht einer Fiktion, die Dreharbeiten ähnelten einem Abenteuer- und Spionagefilm, das Ergebnis, Coyote, jedoch wurde zu einer Dokumentation. Chema Rodríguez und sein Team durchlebten in Ichform die Gefahren, die einer illegalen Einwanderergruppe entgegentreten, wenn sie den Absprung in die USA schaffen wollen. Einen Monat lang begleitete das Team einen coyote, einen Mann, der die Emigranten bis an die Landesgrenzen Südamerikas führt - von Guatemala bis an die Grenze von Mexico und den USA. Das Dreharbeiten- makingoff, sagt er, sei sogar interessanter als der eigentliche Film. Fehlende finanzielle Mittel hätten den Dreh beinahe nicht ermöglicht, letztlich jedoch wurde Coyote dieses Jahr bei der Berlinale präsentiert.

Es ist ihre zweite Teilnahme bei der Berlinale, besitzen Sie nun schon mehr Erfahrung als beim ersten Mal?

Für mich war es mehr oder weniger dasselbe. Diese Teilnahme habe ich mit derselben Freude und der selben Lust erlebt. Die Atmosphäre der Berlinale gleicht einem Dom des Films. Abgesehen von der offiziellen Sektion, denke ich, dass die Panorama Sektion, in der Coyote teilnimmt, wie ein paralleles Festival ist, authentisch und unabhängig und sogar interessanter als Sundance. Ich bin sehr erfreut darüber, dass ich schon zwei Mal hierherkommen konnte. Es ist eine andere Sache mit den Filmen, die Sie in Spanien sehen, was sie nicht tun werden. Das ist allerdings eine andere Geschichte, über die wir uns sehr ausführlich unterhalten könnten...

Erklären Sie dies bitte.

Diese Art von Film interessiert das Publikum nicht. Man spricht über den Dokuboom, aber das ist eine Lüge. Es gibt immer mehr Festivals und diese Festivals sind doch ein perfekter Raum für diese Filme, aber in den Lichspielhäusern sieht es total anders aus. Estrellas de la Línea, unsere letzte Doku, war mit 7000 Kinobesuchern die meistgesehene Doku in Spanien. Stellen Sie sich vor, über welche Zahlen wir sprechen!

Glauben Sie, dass es Möglichkeiten gibt, den Dokumentarfilm zu fördern?

Ich weiß es nicht. Wir, die Regisseure, sind zum Teil auch Schuld, weil manchmal Fernsehreportagen ins Kino gebracht und als Dokumentation ausgegeben werden. Die Leute sind natürlich enttäuscht. Aber es gibt viele gute, echte Dokus. Dokus, bei denen man das Gefühl hat, dass man das Drama und den Konflikt miterleben, mitfühlen kann, genau wie bei einer Fiktion.

Coyote wurde als Dokumentarfilm eingestuft, aber Sie sagen lieber wahrer Film.

Es ist eine Doku, weil es eine tatsächliche, wahre Geschichte ist. Alles was Sie sehen, ist real, aber wir haben die Initialzündung geschaffen. Wir haben den Coyote und die Einwanderer getrennt gesucht. Wir haben aus 25 Personen drei ausgewählt und haben ihnen vorgeschlagen, die Reise mit uns zu unternehmen. Von diesem Moment an, waren wir eher interessiert an ihren persönlichen Konflikten als der Tatsache der Migration: Vier Menschen, die in einer dramatischen Situation reisen.

Es stimmt, dass die Geschichte ein Drama ist, aber auf der Kinoleinwand stellt man sie eher als eine Komödie dar.

Die Trennungen sind der dramatische Teil, aber die Hauptdarsteller erleben die Reise wie ein Abenteuer, das das ganze Leben erfüllt. Ihr lateinamerikanischer Charakter lässt sie das Drama mit Humor, Freude und einer positiven Einstellung überstehen. Der Film ist ein Drama verkleidet als Komödie, weil das wirkliche Leben nur leidlich funktioniert.

Wie lernten Sie den Coyote kennen?

Im Jahr 2007 haben wir ihn in einer Taverne betrunken aufgefunden. Eine der Protagonistinnen von Estrellas de la Línea hat ihn uns vorgestellt.

Bevor Sie ihn kennenlernten, haben Sie jemals daran gedacht, diese Geschichte ins Kino zu bringen?

Nein. Manchmal kommt die Geschichte und später erst suchen wir die Hauptfiguren, aber in diesem Fall war es umgekehrt. Zuerst tauchte die Hauptfigur auf und danach ließen wir uns auf diese Welt ein.

Was hat Sie an dieser Welt am meisten überrascht?

Eines der Dinge, die wir bemerkten, war, dass die Mehrheit nicht aus wirtschaftlichen Gründen auswandert. Ich hatte großes Interesse daran, dieses Klischee, dass die illegale Einwanderung mit der Armut zusammenhängt, zu vermeiden. Allerdings wandert ein Reicher nicht illegal aus, trotzdem ist es nicht immer Geld, das hinter einer Migration steht. 60 oder 70% der Einwanderer emigrieren infolge des Mangels an Gelegenheiten, der Gier nach Verbesserung, der Unzufriedenheit mit dem Leben selbst und namentlich der persönlichen Konflikte jedes einzelnen. Giovanni war der Einzige, der wirtschaftliche Gründe hatte. Die beiden Frauen besaßen persönliche Gründe.

Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, kennen Sie die wirkliche Situation des Einwanderungshandels zwischen Mexiko und den USA?

Die Statistik besagt, dass jedes Jahr eine halbe Million Menschen die Grenze zu überqueren versuchen, aber die wenigsten schaffen es. Die mexikanische Regierung hat eine Vereinbarung mit der US-amerikanischen Regierung getroffen. Die US- Amerikaner zahlen einen Betrag im Austausch für eine Anzahl Deportierter und sobald dieser geleistet ist, möchten sie, dass die Leute die Grenze überqueren und eine mordida (Bestechung) zahlen.

Denken Sie, dass sich solche eine Situation auch Europa entwickeln könnte?

Ja, eben erst tritt dasselbe Schema in Spanien auf. Im Moment existiert ein großes Geschäft im Senegal, Mauretanien, Mali… Und was tut man? Verrichtet man eine seriöse und wichtige Arbeit, um die Armut zu verringern und die Leute emigrieren? Das ist ihnen egal. Das einzige, was man tut, damit die Leute nicht immigrieren, ist flicken und bezahlen. Das ist alles eine große Maskerade.
Chema Rodríguez, director de cine



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