Sprungmarken: Navigation, Schnellsuche.

"Es geht um das Leben selbst" - La sirena y el buzo

Frauke Kreis
La sirena y el buzo

Die Berlinale, eines der bedeutendsten internationalen Filmfestivals Europas stand schon immer für die Vereinigung von Kulturen, Sprachen und die Begegnungen von Menschen.

Filme dienen hierbei nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Völkerverständigung und werden für den Besucher zum nachhaltigen Erlebnis. Spontaner Beifall, Kommentare, nie zuvor gesehene Bilder sind nur ein paar Schlagworte, die die Berlinale charakterisieren und letztlich ihren Reiz ausmachen.

Obwohl die Berlinale durchaus als ein Massenereignis bezeichnet werden kann, werden hier dennoch keine Filme für die Masse präsentiert. Typisches Mainstream-Kino bleibt in den zwei Wochen außen vor. Sowieso lässt sich dem Repertoire kein Stempel aufdrücken, lässt es sich nicht in eine Schublade stecken.

Ein schönes Beispiel hierfür ist der Film "La sirena y el buzo" von Mercedes Moncada Rodriguez, eine mexikanisch- spanische Produktion aus Nicaragua.

Er verbindet Elemente der Dokumentation mit Fiktion, Animation und Mystik.

Die Miskito, ein Eingeborenen-Volk Nicaraguas, glaubt, der Kuss einer Meerjungfrau lasse einen Menschen ertrinken und seine Seele in Gestalt einer Meeresschildkröte wiedergeboren werden. So werden an der Küste Nicaraguas etliche Meeresschildkröten gefangen und geschlachtet, um einen speziellen Eintopf zuzubereiten, der die Kraft des Tauchers an den Verzehrenden übergehen lässt.

"La sirena y el buzo" erzählt von diesem Kreislauf und der daraus folgenden Geburt des Jungen Sinbad, von seiner Jugend und wie ihn der Trieb des Tauchers in seiner Seele zurück ans Meer führt, um dort sein Geld beim Hummertauchen zu verdienen.

Der Film ist authentisch und stellenweise schockierend direkt und schonungslos. Die katastrophalen Auswirkungen des Hurrikan "Felix", der 2007 Nicaragua verwüstete, werden genauso unumwunden dargestellt, wie die Geburt des jungen Sinbad, bei der man die Wehen fast selbst zu spüren glaubt. "Nur wenige haben bisher eine Geburt gesehen, selbst Frauen, die Mütter sind. Solche Szenen sind sehr kraftvoll und zeigen eine andere Seite des Lebens", kommentiert die Regisseurin im Interview.

Authentisch wird der Film durch seine dokumentarischen Einflüsse. Weite Kamerafahrten über das Meer und seine Riffe, den Regenwald, ein Dorf, eine Schule zeigen die Realität Nicaraguas in schillernden Farben, ohne ausgemalt zu wirken. M.M. Rodriguez wollte ein "positiveres, netteres Bild des Landes zeigen" und auch ein "anderes Bild der Atlantikküste, wo die Miskito leben".

Der Film kommt ohne viele Worte aus und doch sind es die Worte, die ihm etwas Mystisches verleihen. In der ursprünglichen gleichnamigen Sprache der Miskito werden Legenden und der Lebensweg Sinbads erzählt und für das internationale Publikum mit Hilfe englischer Untertitel übersetzt. "Geschichten über Meerjungfrauen, Kobolde, Feen usw. sind ziemlich geläufig, das wollten wir verwenden [...]"

Die Regisseurin besitzt ihre eigene Art Filme entstehen zu lassen. Wenn sie sagt, dass sie ohne ein Skript arbeitet, dann meint sie, dass nicht von vornherein klar ist, ob sich der Film zu einer Dokumentation oder Fiktion entwickeln wird. Dabei lässt sie sich von verschiedenen Motivationen leiten. "Wir wollten die Kraft der Natur zeigen, deshalb zeigten wir den Hurrikan [...] Die Fernsehbilder waren allerdings nicht gewaltig genug und so entschieden wir uns [...] einen Teil des Films zu animieren."

Die Geschichte des Sinbad dient als Leitfaden und Handlungshilfe, die die einzelnen Sequenzen, bzw. Kapitel, die den Film einteilen, zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Jedoch, erklärt die Regisseurin, hat seine Geschichte nichts mit der Geschichte aus Tausend und einer Nacht zu tun. "Ich mag den Namen einfach und wollte eigentlich sogar meinen Sohn Sinbad nennen. Es ist einfach ein netter Name."

Das Publikum reagierte sehr intensiv auf den Film, sowohl während der Vorführung, als auch im Anschluss daran, als die Regisseurin für Fragen und Anregungen die Festivalbühne des Delphi- Filmpalastes betrat.

So folgte auf die Geburt Sinbads spontaner Applaus im Kinosaal, murmelten einige Respekt, als Waschfrauen am Fluss bei der Arbeit gezeigt wurden oder kam Gelächter auf beim Bild eines Jungen, der ein Äffchen, das sich an sein Bein klammerte, mit sich schleifte. Das Gelächter wurde direkt von bestürzten Gesichtern abgelöst, als Hurrikan "Felix" mit all seiner Macht über Häuser und Wälder fegte und Bäume wie Menschen gleichermaßen entwurzelte.

Ein Zuschauer stellte treffend fest, dass nicht nur der Mensch die Natur zerstört, sondern die Natur auch den Menschen und Rodriguez stimmte zu: "Das Leben der Menschen wird von der Natur bedroht, Hummertauchen z.B. fordert viele Todesopfer. Wir wollten Einfühlsamkeit und Mitgefühl für den Film erregen. Deshalb wählten wir diese gewaltigen Szenen, wie den Hurrikan oder die Geburt: Es geht um das Leben selbst."

Der abschließende Applaus ist lang anhaltend und ehrlich. Menschen aus Deutschland, England, Spanien, Nicaragua und aus aller Welt verlassen den Kinosaal, um Kultur und Sprache und unzählige Begegnungen bereichert. Noch im Hinausgehen hallen die Bilder von Rodriguez nach und leben in den Unterhaltungen der Besucher ein wenig weiter.



Sprungmarke: Seitenanfang.

Navigation


Schnellsuche:

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.