Foto: Frauke Kreis
|
Der Truck holpert über eine bucklige Piste aus getrocknetem Schlamm. Er hat weder Lebensmittel noch Gebrauchsgegenstände geladen - er transportiert Menschen. Menschen, die kein eigenes Auto besitzen und sich in dieser abgelegenen Gegend der Welt nicht auf öffentliche Verkehrsmittel verlassen können. Der Fahrer hält sich an keinen Fahrplan, an keine Uhrzeiten. Von seinen Mitfahrern verlangt er nicht mehr als 1- 2 Dollar und dass sie absteigen und anschieben, falls das Auto steckenbleibt. Die Passagiere tragen wenig bei sich. Ein paar Getränke, einen Sack Reis, ein paar Hühner. Männer in Gummistiefeln und Arbeitshosen, Frauen mit dicken, schwarzen Zöpfen in Gummistiefeln springen auf und wieder ab. Die einen oder anderen kennen sich, sind "Nachbarn", nutzen die Fahrt, bei der man sich besser festhält, für ein kleines Schwätzchen. Der Truck fährt immer tiefer in das von dichtem grünen Dschungel bedeckte Land. Baumstämme werden aus dem Weg geräumt, Flüsse durchfahren, wenn es der Wasserstand zulässt. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt. Angekommen in dem kleinen Dörfchen La Y de la Laguna gönnen sich der Fahrer und einige Passagiere erstmal ein mehr oder weniger gekühltes cerveza. Von irgendwoher dröhnt lateinamerikanischer Merengue aus Lautsprechern auf den von kleinen Shops gesäumten Platz. Kinder rennen barfuß oder in Gummistiefeln zwischen den wartenden Trucks, den Biertrinkenden Männern, die auf einem kleinen flimmernden und flackernden Fernseher Fussball gucken, den schwatzenden Frauen, den Hunden und Hühnern hin und her. Die meisten von ihnen leben auf einer der umliegenden Farmen, auf denen ihre Familien Kochbananen, Erdnüsse, Kaffee, Kakao und Früchte größtenteils für den Eigenbedarf anbauen. Hier und da sieht man kleine Häuser zwischen Palmen und Lianen hervorluken, doch die meisten säumen die Straße, bemalt mit knallig bunter Wahlpropaganda. Straße ist geprahlt - diese knie- bis hüfttiefe, von Esel- und Pferdeurin getränkte lehmige, lebensfeindliche braune Schlange, die sich durch den dichten Dschungel schlängelt, ist weit entfernt von dem, was man hierzulande eine Straße nennt. La Y de la Laguna ist Endstation des kleinen Trucktransports, weil es weiter nicht geht. Und so stehen nur ein paar Meter neben den Trucks, an ein paar modernden Holpfählen angebunden, erschöpfte und gelangweilte, vollkommen verdreckte Esel und Pferde, die ihren nächsten Trip die Schlammstraße herunter gequält erwarten.
Ein typisches Bild in der Provinz Esmeraldas, im ländlichen Ecuador. Nur eins wirkt absolut und total deplatziert: Ich. Eine Deutsche, beladen mit einem großen zum Zerbersten gepackten Rucksack, Outdoorspezialkleidung und so weiß wie der Nebel, der meistens in dicken Schwaden über die Bäume wabert. Verloren stehe ich auf dem Platz, noch nicht im mindesten angekommen am Ziel meiner Reise. In dem Naturschutzgebiet, in dem ich als Volontärin ein Stück Welt retten möchte. Kaum vorstellbar, dass dieses Dorf bestehend aus Häusern, die nur aus Bretterplanken gefertigt wurden, mit Wegen aus gestampftem oder aufgeweichtem Schlamm, statt Pflastersteinen, mit provisorischen Shops statt Geschäften, Eseln statt Autos... für mich noch Zivilisation bedeutet.
Ich warte auf Don Amado, der mich mit zwei Eseln 25 km entlang der Schlammstraße zur Estacion Biologica Bilsa (Biologisches Reservat Bilsa) begleiten wird.
Der Himmel ist blau und die Sonne brennt unbarmherzig auf mich nieder - ein Phänomen im Regenwald, welches ich nur ein weiteres Mal während meines 20- wöchigen Aufenthalts erleben werde. Denn wie der Name schon sagt, dominiert hier entweder der Regen oder ein feuchter, dichter Nebel.
Die Straße scheint kein Ende zu nehmen und ich bete unablässig, während ich mein Gewicht von einer auf die andere Seite verschiebe, dass mein laut protestierender Esel mich nicht doch noch plötzlich in den Schlamm abwirft.
Es dauert fast fünf (!) Stunden, wir sind hin und wieder an kleinen Siedlungen, meistens bestehend aus 3- 4 Häusern, oder anderen "Reitern" vorbeigekommen, da taucht am Straßenrand im immer dichter werdenden Dschungel ein Schild auf, das meine Ankunft in Bilsa bezeugt. Endlich! Ich dachte schon, dieser Ort existiert gar nicht...
Nach zehn Minuten erreichen wir ein weiteres Schild und zwischen exotischen Obstbäumen windet sich eine mit Holz stabilisierte Treppe auf einen mit Holz befestigten Weg, der geradewegs zu einem großen Haus führt, das aus Beton und Holz gefertigt wurde. Der Esel schnaubt merklich, als ich endlich absteige und ihn von meinem Gepäck befreie.
Eine Frau löst sich aus einer kleinen Gruppe, die vor dem Haus auf Bänken an einer Feuerstelle sitzt, in der kein Feuer brennt.
"Bienvenido a Bilsa!" Mit diesen Worten wird mir warm ums Herz und ich weiß, dass ich mich hier wohlfühlen werde. Die Frau, Anfang 40, ist die Holländerin Julietta, sie leitet zusammen mit Carlos, einem Einheimischen, die Station. Sie zeigt mir als erstes, wo ich meine Stiefel vom Schlamm sauberwaschen kann und wo ich etwas zu trinken bekomme - Wasser muss grundsätzlich zuerst abgekocht werden.
Ich beziehe ein eigenes Zimmer, ein Luxus, den ich nicht erwartet hatte, möbliert mit einem Bett mit Moskitonetz, einem Hocker, ein paar Kerzen und einigen Nägeln in der Wand.
Es ist Sonntag, der Tag zum Faulenzen in Bilsa. Ich lerne die anderen Volontäre, die aus aller Welt angereist sind, kennen und finde in vielen von ihnen mich selbst wieder. Junge, dynamische Menschen, die die Liebe zur Natur und Umwelt teilen. Die Sprache des Landes und somit der Station ist Spanisch, aber die Volontäre reden größtenteils Englisch miteinander.
Das Leben in Bilsa ist klar strukturiert, jedoch werden diese Strukturen gerne den Bedürfnissen Einzelner angepasst. Zwei Tage die Woche werden die Volontäre für Arbeiten der Station herangezogen. Dies varriiert zwischen Unkrautjähten in den kleinen Hartholzbeeten, die sich sowohl um die Station wie auch in einzelnen Lichtungen im gesamten Gebiet des 3000 Hektar großen Bilsaareals verteilen, dem Auspflanzen dieser Jungbäume zur Wiederaufforstung des Sekundärregenwalds, Sammeln von Samen, um Jungbäume zu ziehen, Bananenstauden zum allgemeinen Verzehr von der Plantage beschaffen oder eindringende, fremde Pflanzen mit der Machete entfernen... aber auch einfache Instandhaltungsarbeiten um und an den Häusern rund um Bilsa. Immer aufs Neue nehmen sich die Leiter der Station geduldig Zeit, das Ökosystem Regenwald und seine Siedler und Bewohner den Volontären zu erklären, damit diese ihrerseits verstehen und weitergeben, wie einmalig und empfindlich dieses System wirklich ist. Die Rodung schon eines einzigen Baumes bedeutet die Rodung von bis zu 200 Spezies, die am, in oder von dem Baum leben.
Zwei weitere Tage in der Woche dürfen Volontäre eigene oder bereits laufende Projekte verfolgen. Z.B. Projekte über Amphibien, meist Frösche, in den Gewässern in Bilsa oder die Beobachtung und Katalogisierung von Vögeln, sowie der Bestimmung und Katalogisierung von Pflanzen. Diese Projekte werden von nationalen und internationalen Wissenschaftlern und Studenten durchgeführt und betreut. Bilsa beherbergt die letzten Überreste von prämontanem Regenwald und gilt als ein Biodiversitätshotspot. Immer wieder werden hier der Wissenschaft noch unbekannte Pflanzen- und Tierspezies entdeckt. Es gibt also viel zu tun! Aber auch eigene Projekte werden von der Station unterstützt und viele Studenten nutzen die Gelegenheit eindrucksvolle Studien für ihre Abschlussarbeiten durchzuführen.
Außerdem stellt die Station zwei Tage der Woche für ausgiebige geführte Dschungelwanderungen zur Verfügung. Diese Wanderungen führen entlang der vielen Pfade, die sich durch das Bilsadickicht winden - durch den wunderschönen Regenwald, durch klare Flüsse, mit Seilen über Wasserfälle, mit Kletterausrüstung auf die Aussichtsplattform, an Lianen eine steinerne Steilwand hoch... Die beste Agentur könnte solche Abenteuertouren nicht anbieten.
Nicht selten kommt man total verdreckt und durchnässt von diesen Wanderungen zurück, bereichert mit neuen Eindrücken der Landschaft oder aufregenden Tiersichtungen und bestärkt in der Aufgabe dieses atemberaubend schöne Fleckchen Erde zu beschützen.
Abends wird in Bilsa musiziert. Besonders die Einheimischen, die in der Station arbeiten, sind talentierte Musiker. Landestypische, rhythmische Lieder schallen durch das Haupthaus, diejenigen die Karten spielen oder lesen wippen mit den Füßen im Takt, bis die Müdigkeit von den Abenteuern des Tages einen nach dem anderen in die feucht- klammen Betten treibt.
Bereits nach einer Woche kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne das monotone Trommeln der Regentropfen auf dem Blechdach Bilsas zu schlafen oder ohne die sanften Rufe der Brüllaffen durch den Dschungel zu streifen. Ich lerne die Diät aus Reis, Bohnen und Bananen zu schätzen. Ich lerne meine Wäsche mit der Hand zu waschen. Ich lerne sogar etwas Spanisch. Ich lerne, dass Hunde durchaus Fisch- und Geflügelknochen fressen können, dass man Kühlschränke nicht wirklich braucht und dass eine hygienische Toilette kein fließendes Wasser benötigt - Reisschalen tun es durchaus auch. Ich lerne, dass man all seine Besitztümer luftig aufhängen muss, weil sie sonst in den feuchten Tropen verschimmeln. Ich lerne, dass gesunder Menschenverstand vor fiesen Tropenkrankheiten schützt, dass Kapuzineraffen wütend werden, wenn man sie beobachtet, dass Kakerlaken treue Gefährten sein können und dass der Biss einer Kongaameise einer Kugel aus einer Schusswaffe nicht vorzuziehen ist. Doch am meisten lerne ich über mich selbst und was Zufriedenheit und innere Ruhe bedeutet.
Denn man fühlt sich kaum mehr eins mit der Welt, als wenn man den Tag damit verbracht hat, Bäume zu pflanzen.
Familie, Freunde und Bekannte erklärten mich für verrückt, als ich von meinem Vorhaben in Ecuador zu volontieren erzählte und erst recht als ich erklärte, dass ich für meine Arbeit auch noch bezahlen würde. Umwelt- und Artenschutz ist kein erträgliches Geschäft, erklärte ich. Außerdem finanziert das Geld hauptsächlich Essen und Unterkunft und ein wenig die Gehälter der treuen Seelen, die das kleine Paradies Bilsa bewahren. Aber abgesehen von Essen und Unterkunft bekam ich so viel mehr für mein Geld. Auf die Erfahrungen, die Erlebnisse und die Bekanntschaften lässt sich kein Preis festsetzen und ich behaupte im Nachhinein sogar, dass ich auch das Doppelte bezahlt hätte. Für mich ist Bilsa der schönste Ort auf Erden und die Zeit, die ich dort verbrachte, die beste meines Lebens.
Für mehr Informationen: www.jatunsacha.org