Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka
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Wir sind eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft, nennen uns selbst "Krone der Schöpfung" und leben vom Kreislauf der Natur weitestgehend entkoppelt. Wir bestehen auf unsere Rechte als Menschen, unsere Grundbedürfnisse und unsere unantastbare Würde. Aber im Herzen unserer Zivilisation existiert neben diesen Selbstverständlichkeiten eine Grauzone. Ein toter Winkel inmitten eines hochtechnisierten Zeitalters. Ein Gelände auf dem der Zutritt für Unbefugte untersagt ist und das mit Zäunen und Stacheldraht gesichert wird. Die wenigen Fenster in den Mauern lassen kaum Licht in das Innere der Lager. Aber man braucht auch keinen direkten Blick hinein zu werfen, weil jeder weiß, was hier geschieht. Verstummt sind all die Stimmen, die eben noch für Recht, Bedürfnis und Würde eintraten, da es hier nicht mehr um Menschen geht. Man fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt, doch stehen wir hier in der Gegenwart. Wir sind Zeuge der ganz normalen Hölle unserer Fleischindustrie.
In dem Buch "Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka" zeigt der amerikanische Sozialhistoriker Charles Patterson die Ursprünge des industrialisierten Tötens. Wann schlug der Mensch eine Kluft zwischen sich und die anderen Lebewesen? Was haben die Fleischindustrie, Henry Ford und Adolf Hitler gemeinsam? Wieso sehen wir Konzentrationslager für Menschen als Verbrechen an und für Tiere nicht? Welche Rolle spielen Religion und Nationalität in der Tierrechtsbewegung? Und wie gehen gerade Holocaustüberlebende mit dem Thema um? Patterson widmet das Buch dem jiddischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, der den Satz prägte: "Den Tieren gegenüber sind wir alle Nazis!"
Vor ungefähr 11000 Jahren begann der Anbau von Kulturpflanzen und mit ihm die Domestizierung von Nutztieren. Damit zerschnitt der Mensch die Bande zwischen sich und den übrigen Lebewesen und begann, planmäßig in seine Umgebung einzugreifen. Wichtigstes Element war damals und ist heute noch die Auslese. Durch Kastration und Tötung wurde schwaches und krankes Vieh und damit als minderwertig betrachtetes Leben aussortiert. Die "Eugenik" und ihre große Schwester "Euthanasie" waren geboren. Als die frühen Zivilisationen in Ägypten, Mesopotamien und China die Nutztierhaltung fest in ihre Kultur integriert hatten, war eine Übertragung der Ausbeute auf den Menschen nicht mehr fern. Die gemachten Erfahrungen stellten sich als nützlich heraus und so wurden Praktiken wie Gefangenschaft, Fesseln und Brandmarkung übernommen. Es entstand die Sklaverei. Philosophen der klassischen Antike, darunter Aristoteles und Cicero, nährten die Überzeugung, dass die Herrschaft über Sklaven, Frauen und Tiere ein "göttliches Recht" des Stärkeren sei. "Wir sind unumschränkte Herren dessen, was die Erde hervorbringt", heißt es in einem Manuskript. In den folgenden Jahrhunderten fand dieser Leitgedanke immer neuen Zulauf und verankerte sich tief im europäischen Kulturkreis. Ob Theologen des Mittelalters, Ärzte der Renaissance oder Naturwissenschaftler der Aufklärung, die führenden Denker Europas sortierten die Lebewesen immer "fundierter" nach ihrer Wertigkeit. Den Tieren wurde Vernunft, Seele und sogar Gefühl abgesprochen, wodurch sie fortan den Bodensatz der Hierarchie bildeten, die über Schwarze und Asiaten in der Mitte zu den Weißen an der Spitze führte.
Seien es die spanischen Conquistadoren im 15. und 16. Jahrhundert, die die Ureinwohner Südamerikas nicht einfach nur töteten, sondern regelrecht jagten. Oder sei es der Genozid an der nordamerikanischen Urbevölkerung durch europäische Siedler. Die Kolonisation des schwarzen Kontinents spitzt die Entwicklung zu, die ihren Gipfel in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus erreicht. In jedem Fall degradierten die Täter ihre Opfer zu minderwertigen Geschöpfen, bezeichneten sie als Vieh und behandelten sie auch so. "Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom", wie es Theodor W. Adorno ausdrückt.
Einer der größten Bewunderer der planmäßigen Vernichtung der Urvölker Amerikas war Adolf Hitler. In der Anfangsphase seiner politischen Aktivität hatte er noch ein weiteres Vorbild: Henry Ford. Dieser publizierte 1920 in seiner Wochenzeitung "Dearborn Independent" eine Broschüre namens "Der internationale Jude", die auch in europäische Sprachen übersetzt wurde. Damit trug Ford zum wachsenden Antisemitismus weltweit bei. Sein Erfolg als Industrieller ist auf die Einführung von Förderbändern in der Fertigung zurückzuführen. Dabei wird unterschlagen, dass er 1922 durch die Fließbandarbeit in einem Schlachthof in Chicago inspiriert wurde. Die "Union Stock Yards" führten als erste Schlachthöfe Förderbänder ein und industrialisierten damit die Schlachtung. Eine neue Dimension war erreicht und der Keim für Auschwitz gepflanzt.
Die Übertragung von Viehzuchtaspekten auf den Menschen ist Kernthema des Buches.
Im 20. Jahrhundert fragten sich politische und wissenschaftliche Kreise, ob man nicht auch die menschlichen Erbanlagen verbessern könne. Die Pioniere der "Aufwertung der menschlichen Rasse" waren die USA. Dort galten bald Geisteskrankheiten, Alkoholismus und Kriminalität als erblich und so wurden bis in die dreißiger Jahre hinein 15000 Zwangssterilisationen angeordnet und durchgeführt. Das Phantom "Rassenhygiene" durchsetzte weite Teile der Gesellschaft sowohl in Amerika als auch in Europa und es entstand eine rege Zusammenarbeit zwischen amerikanischen und deutschen Biologen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden in Deutschland schätzungsweise 400000 als krank und kriminell Betrachtete zwangssterilisiert. Dass die Eugenik als Selbstverständlichkeit auch für die Menschheit galt, bezeichnet nur die Zwischenstufe einer Entwicklung, die ihren Ursprung vor 11000 Jahren hat. Was dort mit Zuchttieren begann, ging ab 1935 in eine neue Extreme über. Aus Eugenik wurde Euthanasie, deren Programm die Tötung von Behinderten und Kindern vorsah. All diese Stufen des Rassenwahns gipfeln 1941 im Bau der Konzentrationslager in Polen. Die Deutschen wandten die Erfahrungen aus den vorangegangenen Experimenten an und damit letztendlich die Erkenntnisse aus der Massentierhaltung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass führende Ideologen wie Heinrich Himmler, der Reichsernährungsminister Richard Walther Darré oder Rudolf Höss, Lagerkommandant von Auschwitz, ursprünglich aus der Landwirtschaft kamen.
"Hohe Effizienz durch hohe Geschwindigkeit" ist ein Prinzip, dass in allen industrialisierten Arbeitsprozessen Anwendung findet. Man kann sich Verzögerungen, die den Profit gefährden,
nicht leisten. Ein Mechanismus, der ein psychisches Phänomen nach sich zieht: Die Routine aller Beteiligten. Eine Gewöhnung, die irgendwann dazu führt, dass nicht mehr in ethischen Kategorien gedacht wird. Sowohl die Schlachthöfe heute als auch die Konzentrationslager damals machen sich dieses Abstumpfen zu nutze. Anne Muller, Tochter einer Holocaustüberlebenden, stellt bestürzt fest, dass "die Leute eine feste Arbeit hatten; wer im Konzentrationslager beschäftigt war, ging morgens zum Dienst und kam abends zu seiner Familie nach Hause."
Neben der hohen Geschwindigkeit ist auch die entsprechende Terminologie wichtig, die Täter und Opfer entpersonalisiert. So heißt es heute im Schlachthofjargon "Abtransport und Anlieferung der Ware" oder "Verwertung und Sonderbehandlung". Der Zeitdruck und die verbale Distanz machen es möglich, dass nicht richtig betäubte Tiere bei lebendigem Leibe geschlachtet werden, dass Tiertransporte, bei denen viele Tiere verhungern, verdursten oder in den eigenen Exkrementen ersticken, alltäglich sind. Tiere, die nach der Ankunft mit gebrochenen Gliedern liegen bleiben, werden dort gelassen, getreten oder auf "Kadaverhaufen" zum Sterben geschleift. Der Rest wird selektiert und zur Tötung weiter getrieben. Auch die SS distanzierte sich in jeder erdenklichen Weise von den Inhaftierten, um den Massenmord moralisch durchzustehen. So wurden sie als "Untermenschen" oder "Judensau" beschimpft, misshandelt und schließlich nackt "wie Tiere" in die Gaskammern "getrieben". Bei der Deportation fanden Viehwagons Verwendung und es wurde teilweise auf vorhandene Infrastrukturen der Fleischindustrie zurückgegriffen. Die Menschen erfuhren beim Transport dasselbe Leid wie die Tiere heutzutage. Nach der Ankunft wurden sie ebenfalls nach Geschlecht und körperlicher Verfassung sortiert und gegebenenfalls markiert, so wie man heute Schweine und Kühe tätowiert oder brandmarkt. Schwache, Alte, Frauen und Kinder mussten oft sofort zur Exekution gehen. Die Tötung von jungem Leben stellt eine besondere Hürde dar und verlangt mehr Überwindung vom Täter. Dennoch ist es in der Fleischindustrie gang und gäbe, Jungtiere zu töten. Masthähnchen, die bis zu 15 Jahre alt werden können, werden mit sieben Wochen geschlachtet. Kälber sind mit vier Monaten soweit und Schweine mit sieben. Spanferkel und Milchlämmer werden nur ein bis neun Wochen alt! Durch Hormone und andere Zusätze im Tierfutter werden die Leiber der Tierkinder künstlich aufgebläht. Verletzte und verkrüppelte Tiere dienen der Herstellung von Wurst, Kosmetik, Tierfutter und Kleidung. Auch die Nazis verwendeten Knochen, Haare und Haut für Seifen und Lampenschirme. Allerdings ist zu erwähnen, dass sich die Betreiber von Mordzentren damals wie heute auch Sorgen machen. Sowohl die Fleischindustrie als auch die Aufsicht der Konzentrationslager sorgte sich um die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter. So bemühte man sich daher um "humanere" Tötungsmethoden, die das Gewissen der Mörder schonen. Damit kam es zum Einsatz von Gas, was wohl die extremste Parallele von allen darstellt. In modernen Schlachthöfen werden die Opfer mit CO₂ vergast. Die Deutschen nahmen Zyklon B.
Im letzten Teil des Buches von Charles Patterson schildern Menschen verschiedener Nationalitäten ihre Ansichten und persönlichen Erlebnisse. Sie berichten, welche Erfahrungen sie oder ihre Familie im zweiten Weltkrieg gemacht haben und wie sie zum Tierschutz kamen. Patterson zitiert viel aus Isaac Bashevis Singers Werken wie "Der Büßer" oder "Satan in Gojai". Vor allem die Wege der Protagonisten zum Vegetarismus und ihr Verhältnis zur Religion lesen sich wie die Biografie von so manchem Tierrechtler. Singers Protest richtet sich vor allem gegen den "allmächtigen Sadisten", der Gott genannt wird. Die Feministin Aviva Cantor hingegen nennt das "maskuline Wertesystem" als Ursache für die Entwicklungen damals wie heute, "dass Macht über andere verherrlicht". Christa Blanke nennt es die "ethische Schizophrenie" der Gesellschaft, da gerade die Massentierhaltung jede aktuelle Diskussion über Humanismus verspottet. Edgar Kupfer-Koberwitz kann nicht verstehen wie ein "vernünftig und edel denkender Mensch" aus der Tatsache, dass Tiere kleiner und schwächer sind als er, "ein Recht ableiten kann, ihre Schwäche und Kleinheit zu missbrauchen". Und Helmut F. Kaplan bringt es auf den Punkt: "Alles, was die Nazis den Juden angetan haben, praktizieren wir heute mit den Tieren!"
Seit 2000 fanden weltweit schätzungsweise 900 Milliarden Tiere den Tod in der Fleischindustrie. Ausgenommen ist hierbei die Fischerei, wo man nicht einmal mehr von Individuen, sondern von "Tonnen" spricht. Der Fleisch- und Fischkonsum steigt weltweit an. Und auch in Israel existiert keine besondere Sensibilität für den Massenmord an Tieren. Unter dem Strich zieht das Buch eine Bilanz, die einem die Augen öffnet: Den faschistischen Grundgedanken "Macht vor Recht" konnte unsere moderne Gesellschaft immer noch nicht ablegen. Die Menschen töten wie eh und je aus Genuss und Spaß beim Fleischkonsum, Angeln oder Jagen. War es in der Vergangenheit vielleicht notwendig von Tieren zu leben, so gibt es heute genug Alternativen. Soja, Getreide, Gemüse und die vegetarische Kost allgemein ist billiger als Fleischprodukte, dabei gesünder und würde auch noch das Welthungerproblem lösen. Rechnungen und Beispiele aus der Geschichte belegen diesen Fakt. Dennoch macht sich Albert Kaplan, Sohn russischer Juden, keine großen Hoffnungen mehr. "Die Menschen kümmert das Leid der Tiere nicht mehr als die Deutschen das Leid der Juden." Für ihn heißt das vor allem, "dass wir nichts aus dem Holocaust gelernt haben. Nichts. Es war umsonst. Es ist hoffnungslos."
Auch wenn davon ausgegangen wird, dass Tiere nicht auf höherer rationaler Ebene den Terror begreifen, so steht doch fest, dass sie trotz der tausendjährigen menschlichen Entmündigung Empfindungen haben. Genau dort liegt die Verwandtschaft, die der Mensch versucht abzustreifen, was nur noch mehr über sein primitives Wesen aussagt. Gerade wir, die wir so empfindlich auf physischer und psychischer Ebene sind, müssten das einsehen. Es erscheint zu abstrakt, dass das, was da so schön rosa und eingeschweißt im Kühlregal glänzt, einmal ein Lebewesen war. Die meisten Menschen würden es nicht einmal ertragen, den Weg, den das Fleisch zum Kühlregal zurücklegt, mitanzusehen. Aber wenn der kleine flauschige Liebling zu Hause krank wird, dann rennen wir zum Tierarzt und heulen unterwegs Rotz und Wasser. Warum können wir dann nicht auch ein wenig mit denen mitfühlen, die für unseren Teller bestimmt sind?