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Radio Eriwan - Die Stimme Eriwans spricht

Irena Samveli
Radio Eriwan
Radio Eriwan

Die ersten Sendungen des Öffentlichen Radio Armenien wurden im April 1927, also vor rund achtzig Jahren, ausgestrahlt. Dabei handelte es sich um drei- bis vierstündige Sendungen, hauptsächlich Konzerte und Nachrichten.

Das Hauptgebäude des Öffentlichen Radio Armenien befindet sich in der Mitte der armenischen Hauptstadt Jerewan, auf der Alek Manukyan Straße, und ist ein beliebter und bekannter Treffpunkt vieler Armenier. Es zählt zu den schönsten und ältesten Bauten der Stadt.

Der Welt ist Radio Eriwan allerdings durch die gleichnamigen Anekdoten bekannt geworden. „Diese Anekdoten waren in der Sowjetzeit weit verbreitet, meistens hatten sie eine politische Konnotation. Ihren Ursprung haben sie jedoch nicht bei uns," erzählt Amasya Hovhanissyan, der Exekutivdirektor des Öffentlichen Radio Armenien. „Warum sie ausgerechnet die Bezeichnung Radio Eriwan bekommen haben, kann ich nicht sagen. Den Namen haben wir wohl auch den Autoren zu verdanken. Aber, ich muss schon sagen, das ehrt und freut uns natürlich."

Angefangen hat das Öffentliche Radio Armenien seine Tätigkeit mit nur einem Programm. Heute verfügt es über 11 Redaktionen und 24 Programme, bis in die 90er Jahre war es der einzige Radiosender in ganz Armenien. Stephan Marutyan ist ehemaliger Chefredakteur der Nachrichtenabteilung und war dreißig Jahre lang im Rundfunk tätig. Heute unterrichtet er Radiojournalismus an der Staatsuniversität: „In prozentualer Hinsicht erreichte die Zahl unserer Zuhörer bis zu 70 - 80 % der gesamten Bevölkerung. Neben Kultur und Nachrichten berichteten wir auch viel über die Fortschritte im Industriebereich, denn Armenien war einst eines der am meisten entwickelten Industrieländer der Sowjetunion. Der Sender funktionierte allerdings nur unter der strengen Kontrolle des Zentralen Komitees der Kommunistischen Partei. Wir, die Radiojournalisten, durften zwar den wichtigsten politischen Ereignisse beiwohnen, aber gesendet wurde nur das, was von oben vorgeschrieben war."

Erst in den letzten zehn Jahren sind private Sender entstanden, aber auch diese können nicht gerade durch ihre politische Unabhängigkeit glänzen. Die Mehrheit sendet Unterhaltungsprogramme. Politik wird auch heute noch gemieden.

Ein langer, dunkler Korridor im dritten Stock des fünfstöckigen Gebäudes führt in die Abteilung für ausländische Sendungen. Frau Silva sitzt hinter ihrem Tisch und ordnet die Briefe. „Als ich jung war, bin auch ich mit dem Rekorder umhergereist, habe Menschen interviewt. Nun bin ich alt geworden," sagt sie. „Nun passe ich auf, dass alle unsere Hörer eine Antwort auf ihren Brief bekommen." Sie steckt die QSL-Karte und den Sendeplan in den Briefumschlag und macht sich an einen anderen Brief.

Briefe bekommt die Auslandsredaktion aus mehreren Ländern. Diese werden übersetzt und der Leitung vorgelegt, auf die besten Briefe wird samstags in einer Sondersendung „Unser Briefkasten" eingegangen. „Wir bekommen sehr viele Briefe aus den deutschsprachigen Ländern, meistens sind sie aus Deutschland, Österreich, letztlich hatten wir einen Brief auch aus Luxemburg," sagt Maria, die Übersetzerin, und nimmt einen Brief in die Hand. „Dieser Brief ist von unserem ständigen Hörer Peter Hacklotz. Am Anfang bedankt er sich für die letzte Antwort und für die QSL-Karte, die wir den Zuhörern schicken. Und dann hat er hier eine Bemerkung. Maria liest den Brief vor. „Durch das Hören ihrer Sendungen bin ich erst auf das schwerste Kapitel Ihres Volkes gestoßen, nämlich die Vertreibung und den Völkermord durch die Türken. Zum gleichen Thema kam auch eine Fernsehsendung im Deutschen Fernsehen, die ich dank Ihrer Informationen viel besser verstehen konnte. Ich hoffe, dass die Türkei irgendwann zu ihrer Schuld steht und sie aufarbeitet. Verdrängen hilft nicht. Nur das ehrliche Aufarbeiten der Vergangenheit konnte zur Entspannung beitragen. Kann es aber jemals eine Versöhnung geben? Nun, Deutschland hat es fast geschafft, die Versöhnung herbeizuführen mit Ländern wie Tschechien, Polen, Russland und Frankreich. Ich hoffe, irgendwann einmal wird es zwischen Armenien und der Türkei auch so sein. Herzliche Grüße an das Öffentliche Radio Armenien. Peter Hacklotz."

Die Sendungen waren am Anfang nur für die armenische Diaspora bestimmt und wurden ausschließlich in Armenisch gesendet. Mit der Zeit erweiterte das Öffentliche Radio Armenien sein Sendeangebot um Kurdisch, Arabisch und Persisch für Länder des Nahen und Mittleren Ostens. Anfang der 60er Jahre sendete das Öffentliche Radio Armenien auch für Europa, Latein- und Nordamerika in Englisch, Französisch, später auch Deutsch und Spanisch.

„Das Hauptziel der ausländischen Redaktion ist es, zwischen Armenien und anderen Ländern eine Brücke zu bauen. Die Sendungen sollen zur Bildung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Armenien und anderen Völkern beitragen, sei es mit Aserbaidschan, dem Iran oder der Türkei", so der Exekutivdirektor Hovhanissyan.

Gegen 12 Uhr mittags wird es in der Abteilung immer lauter. Die Übersetzer treffen ein. Die aktuellsten Nachrichten hat der Redakteur inzwischen für sie auf den Tischen bereitgelegt. Bevor die Kollegen ihre Plätze einnehmen wird gewitzelt, Kaffee getrunken. Tigran ist zuständig für spanische Sendungen, er erzählt: „Ich arbeite hier seit mehr als zehn Jahren. Nun ja, eine Ewigkeit schon. Die Arbeit macht mir großen Spaß! Nicht nur, weil man hier professionell wachsen kann, sondern auch, weil ich hier echte Freunde habe, mit denen ich mich sowohl intellektuell als auch berufsbezogen unterhalte. In den Jahren haben wir schon einiges erlebt," sagt Tigran und fängt die bestätigenden Blicke seiner Kolleginnen ein, die ihn von ihren Tischen aus betrachten. „Es gab Zeiten, wo wir nicht mal Papier zum Schreiben hatten," unterbricht ihn Jelena Toghuschi. Sie ist Georgerin und macht Übersetzungen ins Georgische. „Das waren die Kriegsjahre 1992-1994. Wir mussten mit Mänteln und unter Kerzenlicht im Studio sitzen, vor Kälte zitternd. Heute geht es dem Radio bei weitem besser. Die Arbeit läuft planmäßig und sehr diszipliniert."

Wie Armen Amiryan, der Direktor des Rundfunks mitteilt, befindet sich das Öffentliche Radio Armenien im Abrüstungsprozess, die sowjetischen Anlagen wurden schon zum Teil durch neuere Technik ersetzt. In Zukunft sollen die fremdsprachigen Sendungen auch im Internet abrufbar sein. Zur Zeit ist dies nur in armenischer und englischer Sprache möglich. Die fremdsprachigen Sendungen dauern 20 Minuten und bestehen aus zwei Teilen: aus Nachrichten und aus einem Beitrag über das kulturelle, politische bzw. wirtschaftliche Leben Armeniens. Die Beiträge werden aus den Zeitungen von den Redakteuren Hajk Margarian und Haik Martirosyan ausgesucht. Die Sendungen werden musikalisch untermalt, verwendet wird nur armenische Musik. Das ist Vorschrift!

Insgesamt unterhält die Abteilung 30 Beschäftigte: Redakteure, Übersetzer und Tontechniker. Die meisten sind aber schon nach Hause gegangen, denn es ist mittlerweile 18.00 Uhr, also Feierabend für sie. Die beiden Redakteure besprechen noch die letzten Themen für die kommende Woche. Ein Thema dabei werden jedenfalls die türkisch-armenischen Beziehungen sein.

Frage an Radio Eriwan! Hier einige Kostproben:

Frage an Radio Eriwan: „An welchem Tag genau starb Josef Stalin?"

„Man weiß es nicht, aber es war ein Feiertag."

Frage an Radio Eriwan: „Darf ein kleiner Parteifunktionär einen großen Parteifunktionär kritisieren?"

„Im Prinzip ja, aber es wäre echt schade um den kleinen Parteifunktionär."

Frage an Radio Eriwan: „Ist Leben auf der Venus möglich?"

„Nein, dort auch nicht."

Frage an Radio Eriwan: „Kann man den 'Sozialismus in einem Land' einführen?"

„Im Prinzip ja, aber man sollte dann in einem anderen Land leben."

Die Webseite des Öffentlichen Radio Armenien:

http://www.armradio.am/



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