Sissel Tolaas
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Sissel Tolaas ist ein Pionier. Sie ist eine Künstlerin und zugleich Wissenschaftlerin die ihr Leben der Aufgabe gewidmet hat uns aufzuzeigen, dass Geruch eine Art Kommunikation ist, welche wir längst vergessen haben.
Die Norwegerin hat sich in Berlin niedergelassen, erschafft "Geruchs-Stadtpläne und Routen", fängt den Geruch von Angst, Gewalt, Geld... ein und meint außerdem, Nasenlöcher wären ein Weg der Erkenntnis.
Nebenbei bemerkt, Sie riecht gut.
Aus was besteht deine Arbeit ?
Also, Ich lebe seit '87 in Berlin, mein ganzer Hintergrund und meine Interessen sind sehr vielseitig, Chemie, Linguistik, Mathematik, bildende Künste, was mich aber am meisten interessiert sind Sprachen, ich spreche ja immerhin neun davon.
Ich habe mich entschieden, meine Forschungsergebnisse in einem künstlerischen Zusammenhang zu präsentieren, in dem ich Kunst als eine Art Kommunikationsplattform benutze. Auf jede Aktion von mir folgt die Reaktion des Publikums und das ist mir sehr wichtig, denn alles was ich mache, hat mit Menschen und dem Leben an sich zu tun, der Prozess des Lebens, das Atmen von Information, Gerüche um uns herum ... und wie ich diese Infos zum Zwecke der Kommunikation benutzen könnte.
Wie und Warum hast du angefangen, dich für Gerüche zu interessieren ?
Anfangs muss man sich nur fragen, worum es im Leben geht, wie empfinden wir Realität? Wie leben wir? Welche Sinne aktivieren wir im Prozess des Lebens?
Und ich interessiere mich immer mehr und mehr für das Thema Gerüche und die unsichtbare Wahrheit, werfe allgemeine Fragen über die Sinne unseres Körpers auf... Wir wissen, wir können ohne Bilder überleben, wir wissen, wir können ohne Klänge überleben aber uns ist klar, dass wir ganz sicher nicht ohne unsere Ohren überleben könnten und unsere Ohren führen zu unserer Nase und jeden Tag haben wir einen großen Informationsfluss zwischen unseren Ohren und unsere Nase und eben das ist die Info, welche ich zu isolieren und wiederzugeben versuche.
Könntest du kurz erläutern, wie du Gerüche kreierst, mit welchen Techniken?
Ich habe analog angefangen, aus reiner Neugierde, indem ich geprüft habe, wie viel Informationen ich in meinem System speichern und untergliedern kann. Dieser Lernprozess hat mehr als sieben Jahre gedauert, doch dann, einige Zeit später, wurde ich mit der Industrie konfrontiert und fing an, mit Software, Hardware und auch digitaler Technologie zu arbeiten, welche eine Art Werkzeug sind, die einem bei der Arbeit, im Prozess der Nachbildung bereits existierender Gerüche, helfen können.
Quasi ermöglichen sie einem, Gerüche von bestimmten Situationen und Objekten einzuatmen, aufzufangen, dadurch erhält man ihre Molekularstruktur und kann dann das Original reproduzieren.
Wie ist die Geruchssprache beim Menschen ?
Mit unserem Gehirn sind wir befähigt, bis zu 10.000 Gerüche zu unterscheiden und trotzdem haben wir nur zwei Worte, um diese auszudrücken, schlecht und gut. Wir haben 320 Rezeptoren in der Nase und nur vier in den Augen. Mich reizt es, herauszufinden, wie man daraus eine Sprache machen könnte, mit derer Qualität man Gerüche spezifischer mitteilen kann. Ich versuche Türen zu öffnen, denn irgendwas passt da einfach nicht. Bei einem Projekte versuche ich, eine Sprache zu entwickeln, die letztendlich Gerüche mit einem genauen Terminus beschreibt.
Findest du denn, dass der Geruchssinn unterschätzt wird?
Natürlich wird er das, komplett unterschätzt sogar, beherrscht und unterdrückt aus kommerziellen Gründen - in unserer Gesellschaft teilen wir Gerüche nur noch durch das mit, was die Parfümindustrie uns kaufen und tragen lässt, aus Marktgründen.
Manipuliert man den Geruchssinn, erhält man psychologischen Zugang zu Gedächtnis und Empfindung eines jeden, so gesehen ist es schon Angst einflößend, dass niemand sonst diese Möglichkeiten nutzt, wie z.B. Medizin, Bildungswesen .... es ist ein Sinn, der von Anfang an absolut missverstanden wurde.
Würdest du kurz das Torstraße 166 Projekt erläutern ?
Ich lud ein, etwas unter den Umständen einer komplett leeren Wohnung zu machen, dort arbeitet ich an dem Thema "Unsichtbarkeit" .
Ich ließ die Wohnung leer und extrahierte Geruchsüberreste des Hauses aus der Zeit als dieses bewohnt war.
Ich versuchte im Gedächtnis der Architektur und Identität des Raumes zu arbeiten. Die unsichtbaren Dinge um uns herum. Die Andenken der Personen, die dort einst lebten. Die erste Reaktion ist "ach, da ist nichts!" Aber nachdem sie merkten, dass es irgendwie seltsam roch, fingen sie an zu verstehen. Ein Teil meiner Arbeit ist es auch, die Reaktionen des Publikums zu analysieren.
Welche anderen Projekte hast du sonst noch in Berlin gemacht?
Eines davon ist der Berliner Stadtplan, bestehend aus der Frage, welche Möglichkeiten andere Arten von Tourismus zu betreiben, gibt es?
In meinem Fall, wie kann man sich durch Raum und Geographie bewegen, ohne unbedingt seine Augen und Ohren benutzen zu müssen?
Ich habe analysiert, wie man sich durch die Stadt fortbewegen kann, ohne primär seine Augen zu benutzen, dafür aber seine Nase zu aktivieren und Dinge zu entdecken, die man mit seinen Augen sonst nicht entdecken würde.
Würdest du kurz die Anekdote des brasilianischen Botschafters aus der Berliner Partei erklären?
Ich arbeitete gerade an unsichtbarer Kommunikation und wie wichtig die Verbindung zwischen dem Eigengeruch und dem eigenen äußeren Erscheinungsbild ist und wie es wohl wäre, würde man anders riechen als man aussieht?
So entschloss ich mich, meinen Körper mit dem Duft eines extrem verschwitzten Mannes zu bedecken und kleidete mich konträr dazu sehr fein, mit einem sehr eleganten Outfit. Es war eine tolle Erfahrung! Frauen reagierten negativ, doch nicht zwangsläufig mit Ablehnung oder Abgrenzung, eher mit Unsicherheit. Männer hingegen waren sehr angetan und neugierig.
Würdest du von dir selber behaupten, du seist ein sozialer Unruhestifter?
Ich bin sehr engagiert, das ist mehr als Unruhe stiften, Ich bin ein leidenschaftlicher Lebemensch und wenn man leidenschaftlich lebt, stößt man hier und da schon mal irgendwo an. Da draußen gibt es so viele aufregende Sachen zu entdecken und man will es unbedingt jedem näher bringen, aber ich versuche, keines Falls absichtlich zu provozieren.
Wenn die Wahrheit allerdings provokant ist, dann natürlich ja.
Es ist blanke Realität, wir alle haben eine Nase und was machen wir damit? Nichts!
Wie viel Gerüche hast du denn archiviert?
6720, mit der Absicht zu üben, ob ich diese ganzen Gerüche untergliedern kann, um sie dann zum Teil meines Systems zu machen.
Das Archiv ist so zu sagen eine Materialisierung meines Gehirns! Ich habe sie eigentlich alle in meinem Kopf, doch wenn ich Zweifel habe, kann ich darauf zurückgreifen!
Wenn du auf Reisen bist, sammelst du Gerüche so wie andere vielleicht Fotos schießen bzw. Videos drehen?
Nicht mehr, aber früher schon, ja! Ich habe das sieben Jahre lang gemacht und letztendlich ist es auch das, worum es sich bei meinem Archiv handelt. Es ist ein Fotoalbum aus Gerüchen und eine Erinnerung an Situationen, Menschen... aber ich mach das automatisch, es ist ein Teil von mir, ich nehme die Realität gleichermaßen mit Nase wie mit Augen wahr.
Hast du mal Probleme mit der Flughafensicherheit bekommen ?
Wenn du hart arbeitest, hast du die ganze Zeit Probleme, aber langsam entwickele ich Wege, das zu umgehen und mehr Aufmerksamkeit auf Grund anderer Sachen als nur meines Koffers auf mich zu lenken. (lacht)
Du hast die Gerüche für Volvo, Ikea, H&M, etc. entwickelt, es ist irgendwie komisch, das sogar so etwas designed ist.
Zu Beginn versuchte ich, Identität durch Unsichtbarkeit zu etablieren und dann haben mich verschiedene Konzerne gefragt, wie sie mein Wissen für für ihre Verkaufszwecke nutzen könnten. Und das ist auch, was ich dann tat. Ich atme Situationen ein und komponiere sozusagen verschiedenste Richtungen von Identität und zu guter Letzt hat man ein Geruchsbild.
Gibt es einen Geruch den du nicht ausstehen kannst?
Nein, ... ich meine, natürlich gibt es Gerüche auf die man eine natürliche körperliche Reaktion hat, zum Beispiel Gas; man erkennt, dass es Gefahr bedeutet und das zeigt mir mal wieder, dass Riechen Kommunikation ist, allerdings müssen wir lernen, was die jeweiligen Bedeutungen von einzelnen Gerüchen sind und das ist eine Sache von Erziehung und Übung!
Wenn du jemandem begegnest, ist Riechen dann das erste was du tust?
Ja, absolut und ich bekomme dadurch sehr viele Infos, es ist fantastisch, manchmal muss ich danach nicht mal reden.
Schön dich kennen gelernt zu haben, bye (lacht)