Mit Kenedi Hasani wurde Anfang Juli auf dem ersten nationalen serbischen Filmfestival in Novi Sad ein Protagonist als bester Schauspieler Serbiens ausgezeichnet, der 2002 aus Deutschland abgeschoben wurde. Die Preisverleihung verursachte einen kleinen Skandal, als der Schauspielerverband lautstark gegen Hasanis betont laienhafte Darbietung in der Rolle eines privaten Sexarbeiters polemisierte. Serbiens Filmszene immerhin ist um einen weiteren Geniestreich des Regie-Altmeisters Želimir Žilnik reicher, der in seinen Arbeiten ganz bewusst die Grenze zwischen Aphorismus und Dilettantismus kreuzt.
Am Rande des neuen Europa
Žilnik, der 1969 auf der „Berlinale" für seinen Spielfilm „Frühe Werke" (ein bitterer Kommentar auf die zweckoptimistische „Einheit und Brüderlichkeit"-Phraseologie der regierenden Kommunisten) mit dem „Goldenen Bären" ausgezeichnet wurde und kurz danach Jugoslawien auf Druck des Polit-Establishments verlassen musste, ist seinem Protagonisten bereits seit fünf Jahren auf der Spur.
„Kenedi goes back home", entstanden kurz nach der Unterzeichnung des sogenannten Rückkehrabkommens zwischen Deutschland und Serbien-Montenegro, zeigte ihn 2002 als außergewöhnlichen Fremdenführer, der andere Abgeschobene am Belgrader Flughafen abholt und gegen Bezahlung eine erste Unterkunft in der angeblichen Heimat Serbien verschafft. Genauso wie Hasani sprechen die Neuankömmlinge besser Deutsch als ihre angebliche „Muttersprache". Kein Wunder, denn die meisten von ihnen haben ihr Geburtsland bei Kriegsbeginn verlassen und sind anschließend jahrelang in Deutschland zur Schule gegangen.
Der nun in Novi Sad uraufgeführte Spielfilm „Kenedi gets married" zeichnet sich durch den laienhaften, aber authentischen Stil aus, mit dem sich Žilnik bis heute seinen Ruf als enfant terrible der serbischen Filmszene gesichert hat. Mit Wackelkamera und oftmals unterbelichtet, inszeniert er seine Szenen vom Rande der Gesellschaft, in diesem Fall die der Roma, die sich für zwei Euro am Tag mit schwerer körperlicher Arbeit verdingen. Oder, wie Hasani offenbar auch im richtigen Leben, sich mit wechselnden Sexualpartnern und unterschiedlichen Heiratsanträgen, mal schwul, mal hetero, über Wasser zu halten versuchen.
Damit zeigen Žilnik und Hasani eine Kehrseite des neuen Europa, wo vereinsamte Herzen und mittellose Herzensbrecher am Rande des Existenzminimums leben: Um über die Runden zu kommen, rammelt sich Kenedi durch Europa und strandet, kaum Glücksgefühle, aber einen Haufen verbrannter Erde hinter sich lassend, schlussendlich vereinsamt in Istanbul.
Das ist fern der postmodernen Zigeunerromantik eines „Gucha", Dušan Milićs melodramatischem Unterhaltungsfilm über die verbotene Liebe zwischen einem Roma-Musiker und einer 'weißen' Serbin, der zur Zeit in Deutschland in die Kinos kommt. Schließlich hat Žilnik seinen Hauptdarsteller kurz vor der Preisverleihung am Stadtrand ausgemacht, wo er für ein paar Dinar Altpapier zusammengesammelt hat.
Think Big in Novi Sad
Doch ist „Kenedi gets married" nur eine verstörende Facette eines serbischen Filmjahrgangs, der
es auf achtzehn neue Produktionen bringt, eine Anzahl, die in den vergangenen Jahren jeweils nur zu einem Drittel erreicht wurde. Think Big auch auf Seiten der Festivalorganisatoren, die die nordserbische Universitätsstadt Novi Sad kurz vor Beginn des renommierten Exit-Musikfestivals mit einem 1,3-Millionen-Euro-Budget zu einer „Cinema City" mit internationalem Flair ausgebaut haben. Schauspielstar Dragan Bjelogrlić, einer der Initiatoren des Festivals, will mit dem Aufwand dem Niedergang der Kinokultur entgegenwirken: In Serbien sind, wie in vielen Ländern Südosteuropas, zahlreiche Kinos geschlossen worden, während die Geschäfte mit legalen und illegalen DVDs boomen.
Dabei haben einheimische Produktionen in Serbien traditionell das Zeug zum Kassenschlager. 1995 fanden sich unter den zehn bestbesuchten Box-Office-Hits immerhin drei einheimische Produktionen. Mit Emir Kusturicas „Underground" (167.259 Zuschauer) und „Pretty village, pretty flame" (256.245 Zuschauer) waren zwei Kriegsfilme besonders erfolgreich. In den letzten Jahren erfreuen sich vor allem die Filme von Zdravko Šotra großer Beliebtheit. 2003 produzierte Šotra mit „Zamfirs Zone" eine rückwärtsgewandte Heile-Welt-Projektion, deren Atmosphäre an die deutschen Heimatfilme der 50er Jahre erinnert. Das Liebes-Melodram aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, kurz nach dem Ende der Besetzung Serbiens durch die Türken, konnte 1,3 Millionen Zuschauer verbuchen. Auf immerhin 338.836 Zuschauer kommt der Nachfolgefilm „The scam of the Third Reich" (2004), ebenfalls ein nationaler Seelentröster im Klamottenformat: Mit einer Mischung aus Bauernschläue und Draufgängertum schaffen es zwei Belgrader Gentlemen-Gangster mitten im Zweiten Weltkrieg, die bestgesicherte Bank Nazi-Deutschlands auszurauben.
Geteilte Szene zwischen Radikaler Partei und Europa-Befürwortern
Bis zum letzten Jahr fand das nationale Filmfestival in Herceg Novi, dem mondänen Badeort an der montenegrinischen Adriaküste, statt. Mit dem Austritt Montenegros aus dem Staatsverband mit Serbien musste auch ein neuer Ort für das Filmfestival her. Dass mit Novi Sad eine Neugründung ins Auge gefasst wurde, statt eines der zahlreichen existierenden Filmfestivals aufzurüsten, sorgte im Vorfeld für Unruhe in der traditionell durch künstlerische Animositäten und ökonomische Begehren zerstrittenen Filmszene. So trat Đorđe Miličević, unter dessen Leitung dem Serbischen Filmzentrum seit 2005 ein öffentlichkeitswirksames einheitliches Design verpasst wurde, kurz vor Festivalbeginn von seinem Posten als Direktor der Promotion-Institution zurück.
Und Emir Kusturicas neuer Streifen „Promise me this", der toll-dreist zwischen Harold Lloyd und verfilmtem Comic Book chargiert, um am Ende in folkloristisch-punkiges Dauerdelirium zu verfallen, hat in der Szene vor allem verständnisloses Kopfschütteln hervorgerufen. Der Kultregisseur von „Time of the Gypsies" zitiere sich immer mehr selbst, hieß es da in einem despektierlichen Tonfall, der an die Abfälligkeiten erinnert, mit der deutsche Filmschaffende bisweilen über international erfolgreiche Regiekollegen wie Wim Wenders oder Tom Tykwer herziehen. Doch ist Kusturica nicht nur ein Prophet, der im eigenen Lande nichts gilt, sondern wird spätestens seit seiner Umtaufe zum serbisch-orthodoxen Glauben im Jahre 2005, durch die Freundschaft mit dem Premierminister Vojislav Koštunica und einige Interviewpassagen mit nationalistischer Einfärbung, mehr als Politikum denn als Künstler wahrgenommen.
Kusturicas anarchischer Witz flirtet, wie in der Schlusssequenz von „Promise me this", in der in einem Hochzeitszug fleißig die Fahne des Serbischen Königreichs geschwungen wird, durchaus mit nationalen Symbolen und spart nicht mit beißendem Zynismus auf die Demokratisierungsbestrebungen der Europapolitiker, die von vielen Serben mit dem NATO-Bombardement im Jahre 1999 in einen Topf geworfen werden. Zwischen großserbisch orientierter „Radikaler Partei" und Assoziierungsverhandlungen mit der Europäischen Union träumt die serbische Gesellschaft von einem besseren Image. Kusturicas Bilderwelten sind eine filmkünstlerische Entsprechung der „Serbian Madness" , mit der die Webseite des Trompetenfestivals in Guča wirbt, in dem Milićs eingangs erwähnter „Gucha" spielt, und fast unbemerkt ist die Hauptstadt Belgrad mit ihrem reichhaltigen Nachtleben trendy geworden, markenfähig trotz verdrängter Vergangenheit und freilaufenden Kriegsverbrechern.
Kriegsverbrecher auf der Leinwand
So wirkte denn auch „Save our souls", mit dem sich Slobodan Šijan, ein anderer Altmeister des serbischen Films, zurückgemeldet hat, wie ein kleiner Schock. „Save our souls" thematisiert in Form einer Tragikomödie die Ereignisse, die zu Beginn der neunziger Jahre zum Ausbruch des Krieges zwischen Serbien und Kroatien führten. Mit den Protagonisten von Šijans fiktiver „Serbischer Republik am See" kommen erstmals im Namen Serbiens verübte Kriegsverbrechen auf die Leinwand – in Form einer Groteske, aber treffsicher ins Herz einer Nation montiert, die heute mehr denn je an der gesellschaftlichen Spaltung nach dem Mord an dem europafreundlichen Premierminister Zoran Djindjić leidet. Filmisch bleibt „Save our souls" mit einer Dramaturgie, deren Gags oftmals ins Leere laufen, leider hinter den Erwartungen zurück, die auf den Regisseur von „Who's singing over there" (1980), oft als einer der besten in Serbien entstandenen Filme bezeichnet, gesetzt wurden.
Srdan Golubovićs international mehrfach preisgekrönter psychologischer Thriller „Die Falle", der im September in die deutschen Kinos kommt, wurde in Novi Sad von der Jury unter dem Vorsitz des isländischen Regisseurs Fridrik Thor Fridrikson („Children of nature") übrigens außen vor gelassen. Fast alle Preise gewonnen hat in Novi Sad – neben „Hamlet", einer im Arthaus-Format aufbereiteten Shakespeare-Adaption in einer Roma-Siedlung - eine nunmehr 16 Jahre alte Arbeit: Nikola Stojanović hat die Dreharbeiten zu seinem Historienfilm „Belle Epoque" über Politabenteurer und Kinopioniere im Sarajevo am Vorabend des Ersten Weltkriegs 1991, vor Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in Bosnien und Herzegowina, abgeschlossen. Seither lagerte das Filmmaterial aus lizenzrechtlichen Gründen in Sarajevo und in den kroatischen 'Jadran'-Filmstudios und konnte erst vor kurzem zu einem Film montiert werden: Eine solide Produktion mit inszenatorischem Geschick, der man jedoch ihr Alter ansieht.
Trotz des etwas altbackenen Hauptpreisträgers: Mit seiner inhaltlichen und kreativen Bandbreite gehört Serbien in diesem Jahr zu den interessantesten Filmländern Europas, in dem Querschläger zum Normalfall gehören.