Guten Morgen, Allo, ein kurzes Nicken, das ist die morgendliche Begrüßung der Organisationstalente in der interkulturellen Bürogemeinschaft am Ende des Ganges im Sprachenatelier Berlin. Bis die Spanier und Italiener nach der Siesta zur Arbeit erscheinen und durch ihre temperamentvolle Art aus dem ruhigen Büro ein Bienennest wild gestikulierenden Menschen machen, gibt sich ein Mix aus Schweden, Franzosen, Polen und Deutschen die Klinke in die Hand.
Unsere Französin schreibt eifrig Texte über französische Spezialitäten und ihren französischen Präsidenten Nikolas Sarkozy. Während sie einerseits kichernd die neusten Comics über eben diesen Mann im Internet betrachtet, verzweifelt sie anderseits an der täglichen Fülle neuer Informationen, die ihren Artikel zu einer schier unendlich werdenden Geschichte werden lassen. Wo soll sie da nur einen Abstrich machen? Das denkt sich auch Frau Deutschland-1, die tagtäglich die Heldin unserer Sprachschüler ist und jedem einzelnen eine Unterkunft vermittelt. Und so recherchiert sie Tag ein Tag aus, organisiert und telefoniert bis der Server streikt und zur Pause zwingt. Frau Deutschland-2 plant hingegen eine Fotoausstellung, welche die Deutsch-Russische Freundschaft fördern soll. Wenn beide ihre Arbeit getan haben, dienen sie aufopfernd ihren Kolleginnen als Sprachrohr oder Artikel-Korrektur-Assistenz. Unsere blonde Vertreterin aus Schweden widmet sich währenddessen obskuren Eigenwilligkeiten der Deutschen, die es nicht schaffen lose Kartoffeln im Supermarkt anzupreisen, Alkohol um einiges günstiger verkaufen als in ihrem Heimatland und bei denen theoretisch gesehen auch immer alles möglich ist. Auch ihre Landsleute haben Eigenwilligkeiten, die den Deutschen merkwürdig erscheinen. Da stellt sich so mancher die Frage, warum man ein Fest zu Ehren der Krebse feiern sollte. Und was treibt unsere Polin? Sie versorgt alle mit kulturellen Informationen, plant Ausflüge der Sprachschüler und findet noch Möglichkeiten die freie Zeit am Nachmittag mit ihren Kolleginnen zu gestalten. Permanent werden Sprachbarrieren gebrochen, Vokabeln gebüffelt, kulinarische Abende geplant und Staatsgästen würdigend der Abend geschenkt.
Doch was macht die Arbeit hinter der Bürotür mit dem Schild "Multikultureller Sektor" im Sprachenatelier aus? Fast alle Praktikanten waren einmal in ihrem Leben als Gaststudenten im Ausland oder sammeln erste Erfahrungen in Berlin. Und so ist einerseits die kulturelle Offenheit und Wissbegierde, die jeder Praktikant mitbringt, andererseits ist es das herrliche Missverständnis aufgrund unterschiedlicher Sprachen, was das ein oder andere Gelächter hervorruft. So kann es sein, dass am Abend nicht lange Bäder, sondern vornehmlich lange Badewannen genommen werden.
Diese täglichen Sprachmissverständnisse führen schon beim Eintritt in das geliebte Sauna-artige Büro zu Gelächter, welches erst endet, wenn der Raum am Nachmittag wieder verlassen wird. Wer unsere Oase betritt, muss sich mit dem Begriff Kultur und kulturelle Unterschiede unweigerlich auseinandersetzen.
Aber was ist Kultur und was macht sie aus? Im Laufe der Jahre sinnierten viele bedeutende Theoretiker über den Begriff, so auch Hofstede, Hall und Trompenaars, die durch ihre Forschungsergebnisse weltweit geschätzt und anerkannt sind. Sie selbst kamen früh mit kulturellen Unterschieden in Berührung. Ihr Interesse basierte auf der beruflichen Erkenntnis, dass es ohne kulturelles Hintergrundwissen in einigen Ländern dieser Erde nicht möglich sein würde, erfolgreich global zu agieren. Andererseits war es geprägt durch familiären Culture Clash, der ihnen verdeutlichte, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen differierende Weltanschauungen hatten, was schlussendlich großen Einfluss auf das Denken und Handeln hatte. Damit war das Fundament des späteren Berufsfeldes, globaler Studien und Vergleiche ferner Kulturen, sowie deren Eigenheiten und Einflüsse auf die Berufswelt, gelegt.
Schon Hofstede sagte, dass Kultur „die Software des Geistes ist." Verschiedenste Herangehensweisen und Gedankengänge basieren auf verschiedenen Kulturkreisen, da jeder Mensch gedanklich durch sein Umfeld und die Gemeinschaft programmiert wird. Die im Berufsalltag auftretenden Kulturschocks sind nach Hofstede die mentale Reaktion auf eine fremde Software. Durch Reisen und Medien lernen wir nicht nur fremde Kulturen kennen, sondern verbessern auch Kenntnisse über unsere eigene und machen Tatsachen sichtbar, die vorher nicht sichtbar waren. Es ist ein Prozess. Nichts wird endgültig gesucht, gefunden, entdeckt und verstanden. Viele Theoretiker sprechen sich dafür aus, dass sich kulturelle Unterschiede kategorisieren lassen, wie die Schalen einer Zwiebel. Die 'Werte' bilden dabei den inneren Kern dieser Kulturpflanze, der durch die 'Rituale' umhüllt wird. Die dritte Schicht verdeutlicht 'Vorbilder' oder 'Helden', welche umschlossen werden von 'Symbolen'. Für Kulturneulinge ist es leicht, ländertypische Symbole zu entdecken, zu beherrschen oder gar zu imitieren. Sie unterliegen einer gewissen Schnelllebigkeit und Trendentwicklung und können dabei langfristiger Bestandteil der Kultur werden oder nach einiger Zeit in Vergessenheit geraten. Werte jedoch sind schwer zugänglich, frühzeitig erlernt und langfristiger existent in einem kulturellen System. Die Kultur eines Landes ist eine sich stetig entwickelnde Einheit. Veränderungen gehören zum Prozess, wie die tägliche Sonnenumkreisung der Erde, die dem Menschen ermöglicht sich zu entwickeln.
Auch im Sprachenatelier wird sich täglich entwickelt, verändert und gelernt. Wir leben von und für die kulturellen Unterschiede, die uns formen, prägen und täglich aufs Neue überraschen.