Sprungmarken: Navigation, Schnellsuche.

Ein Interview mit der italienischen Künstlerin Elena Bellantoni

Marina Cricca
Elena Bellantoni
Elena Bellantoni

Elena Bellantoni ist eine italienische Künstlerin (Jahrgang 1975), welche in Berlin lebt und arbeitet. Ihre vielfältige künstlerische Ausbildung absolvierte sie in den europäischen Metropolen Rom, Paris, London und Berlin, wo auch heute viele ihrer Arbeiten ausgestellt werden.

Elena Bellantoni studierte zunächst Kunstgeschichte an der Universität La Sapienza in Rom, wo sie ihren Abschluss mit der maximalen Note absolvierte. Anschließend studierte sie drei Jahre am Institut San Giacomo für ornamentalische Kunst in Rom, wo sie ihre theoretischen Kenntnisse mit praktischen Fähigkeiten zu verbinden lernte.

Die ersten künstlerischen Arbeiten Bellantonis waren zunächst geprägt durch malerische Mittel, bevor sie im Laufe der Zeit Bildhauerei, Tanz und Theater als weitere künstlerische Ausdrucksmittel für sich entdeckte. Heute variieren Bellantonis Arbeiten zwischen Malerei, Fotografie, Videoinstallation und audiovisueller Kunst.

Viele Kunstwerke von Elena sind in zahlreichen europäischen Ausstellungen zu finden. Ihre erste Videoarbeit Inapnea zeigte die Künstlerin in ihrer Ausstellung Solo Exhibition in Rom. In dieser Arbeit beschäftigte sich Bellantoni mit einem ihrer Lieblingsthemen: die Verhältnisse zwischen dem Inneren und Äußeren Raum sowie die Aufmerksamkeit an den menschlichen Aktionen. Dieses bestimmte Thema entwickelte sie vor allem während ihres Aufenthaltes in London weiter, wohin sie 2002 zog, um ihren Master in Fine Arts zu absolvieren. Nach vier Jahren kehrte Elena Bellantoni nach Berlin zurück und präsentierte in Folge zahlreiche ihrer neuen Arbeiten in verschiedenen Ausstellungen. Eine dieser war die Kollektiv-Ausstellung Zum Ball spielen, gleichzeitig stattfindend mit derWeltmeisterschaft im Rathaus Tempelhof, wo Elena mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wurde. Im vergangenen Jahr (2007) waren Elenas Werke vor allem in der Galerie Weisser Elephant zu sehen. Heute lebt die Künstlerin in Berlin und arbeitet an diversen künstlerischen Projekten.

Welche Rolle spielt der Raum in Deinen Kunstwerken?

„Was für mich bei einem Kunstwerk besonders wichtig ist, sind die Räumlichkeit, die Elemente und der Körper, der als ein Element des Raumes zu verstehen ist. Als ich begann, mich mit Kunst zu beschäftigen, habe ich die meisten meiner Ideen mit malerischen Mitteln ausgedrückt. Mein Lieblingsthema war die Räumlichkeit, wobei damit vielmehr der innere Raum jedes Menschen gemeint ist. Wenig später habe ich begonnen, mich mit Video und multimedialen Mitteln zu beschäftigen, um meine Performance zu dokumentieren. Dabei habe ich viel mit dem Körper gearbeitet; das, was mich besonders interessierte, waren seine Bewegungen im Raum zu erfahren und zu dokumentieren. Für die Performance griff ich auf mein Studium in Tanz und Theater zurück. Meine ersten Arbeiten mit dem Ausdrucksmittel Video waren Arbeiten in inneren Räumen. Ich hatte meine Performances selber gefilmt und stand allein in einem Raum vor der Videokamera. Das Ausdrucksmittel Video verwendete ich dabei im Stil der 70er Jahre. Das war ein 'weiblicher Kontakt', weil sich der Körper mit dem Problem der Identität eng verbündete und gleichzeitig ein 'voyeuristischer Kontakt', da es mit 'Sehen' und 'Ausspionieren' meiner Aktionen zu tun hatte."

Was wolltest du mit deiner ersten Videoarbeit "Inapnea" ausdrücken?

Inapnea stellt meine erste Videoarbeit dar. Sie drückt die 'innere vertikale' und psychoanalytische Beziehung mit unserem intimsten Inneren aus, die gegenüber einer ‚äußeren horizontalen' Beziehung mit der äußeren Welt steht. In diesem Video bin ICH die Performance. Hier wechseln sich Momente, in denen ich im tiefen Wasser schwimme mit Momenten ab, in denen ich aus dem Wasser auftauche. In den Momenten des Auftauchens sind Stadtteile, Züge oder Wolkenkratzer, die als symbolische Elemente gelten, zu sehen. Die Reise zwischen Innerem und Äußerem spielt sich dabei durch eine Speiseröhre ab. In diesem Video sind zwei Konstanten meiner Arbeit zu erkennen: Ich und die Stadt."

Wie beschreibst du deine Beziehung zu Video und Malerei?

„Das Video ist ein gegenwärtiges Mittel, mit dem man die Gegenwart auf eine schnelle Art und Weise registrieren kann. Die Malerei ist andererseits eine antike Sprache. Diese agiert langsamer und um sich mit ihr zu beschäftigen, bedarf es einem anderen Studium und einer anderen Räumlichkeit. Der 'Raum', in dem das Video realisiert wird, ist der Computer, wohingegen der der Malerei ein physischer Raum ist, d.h. mein Atelier. Mit der Malerei mache ich zumeist den Inneren Raum sichtbar. Dagegen gilt das Video für mich als ein Mittel, mit dem ich den Äußeren Raum bzw. die Städte darstellen kann. Aber das ist auch unterschiedlich; es gibt keine bestimmte Regel für mich für die Nutzung der beiden Mittel."

Deine künstlerische Aktivität erstreckt sich auf verschiedene Städte. Haben diese 'Bewegungen' deine Kunst beeinflusst?

„Ja, klar, z.B. hat mein Aufenthalt in London eine Veränderung meiner Art, Kunst zu machen bewirkt. Bis dahin hatte ich mich insbesondere mit der Malerei beschäftigt, um die Identität des Menschen zu analysieren. In London habe ich angefangen, mich dem Äußeren Raum zu öffnen. London ist eine aggressive und frenetische Stadt, die mich in ihrer Strömung total mitgerissen hat. In London habe ich mich vorwiegend mit dem Konzept des Äußeren Raumes konfrontiert und Arbeiten darüber entwickelt. Was mich besonders interessierte, waren Orte des Konsumverhaltens wie Einkaufszentren, Durchfahrten und Wartebereiche, wie sie bei Bahnhöfen, Flughäfen oder an Autobahnen zu finden sind. Besonders wichtig war mir dafür die Theorie Nicht-Ort des französischen Anthropologen Marc Augé. Auf diese Periode gehen viele meiner Videoarbeiten wie Live Jacket und In Between zurück. Diese Videos stellen mich als Performance dar. Sie sind performative Mikroaktionen, fast hoffnungslose und gleichzeitig ironische Mikroaktionen, in denen ich versuchte, eine Reaktion in den Menschen, die frenetisch vor mir herliefen, hervorzurufen."

Welches ist das Verhältnis zu deiner Arbeit?

„Mein Verhältnis zu meiner Arbeit ist ein konzeptueller Annäherungsversuch. Ich bin gewohnt, über alles was ich mache, zu schreiben. Was für mich wichtig ist, ist eine Kohärenz, von allem was ich mache, zu halten und daraus hat sich auch das Bedürfnis erwacht, nach London zu fahren. In Italien herrscht eher ein historischer Zugang zur Kunstgeschichte anstatt eines kritischen Zugangs. In London hatte ich die Möglichkeit, mir selbst viele Fragen über meiner Arbeit zu stellen. Das war eine praktische Arbeit, bei der ich mich oft mit den anderen konfrontiert habe."

Was hat dich nach Berlin gebracht?

„Ich halte Berlin für eine gute Stadt für Kunstproduktion. Hier herrscht eine Reinheit und ein künstlerischer Gärstoff, welche noch nicht von den Gesetzen des Marktes und der Wissenschaft überwältigt worden sind. Unter diesen Bedingungen stellt Berlin das Gegenteil von London dar. In Berlin hat ein Künstler noch die Möglichkeit zu experimentieren. Die Stadt ist voll von Orten, die von einer Underground-Atmosphäre geprägt sind und die dem Künstler mehr Ausdrucksfreiheit bieten. Ich kann behaupten, dass Berlin eine europäische Stadt ist, die mit Paris oder Rom vergleichen werden kann. Man kann hier die Atmosphäre von Paris Anfang des 19. Jahrhunderts riechen. Allerdings muss in Berlin ein Künstler auch aufpassen, weil die Stadt zwar faszinierend aber gleichzeitig auch sehr ruhig und zerstreuend ist, was dich auch verlangsamen kann."

Welche sind deine aktuellen und zukünftigen Projekte?

„Zurzeit arbeite ich an einem Projekt, das in London aus der Begegnung von Künstlern verschiedener Nationalitäten geboren wurde. Es heißt Platform Translation. Dieses Projekt handelt von dem Problem der Sprachbarrieren und vom Prozess der Übersetzung. Das, was wir analysieren wollten, ist, was bei dem Prozess der Übersetzung passiert. Normalerweise werden wir bei dem 'Transport' einer Bedeutung bzw. eines Satzes von einer Sprache zu einer anderen immer etwas (der ursprünglichen Bedeutung) verlieren, aber gleichzeitig kommen wir aus diesem Prozess auch bereichert hervor. Durch das Lesen verschiedener Texten, wie z.B. Dedirrá und andere Autoren, die sich mit dem Thema der Übersetzung beschäftigt haben, haben wir dieses Projekt entwickelt. Es ist ein bewegliches Projekt, das am 31. Oktober in Athen starten wird. Außerdem sind Ausstellungen in Chile, in Rom, in Beirut und in Berlin vorgesehen. Unser Projekt hat mit der Übersetzung der Welt und der Realität zu tun und es werden viele Künstler und Kuratoren verschiedener Nationalitäten teilnehmen. Jeder von ihnen wird seine Idee und seine Arbeiten über dieses Thema vortragen.

Ein anderes Projekt, an dem ich derzeit gemeinsam mit meinem Mann und Künstler Marco Giani arbeite, heißt 91 qm Projekt space. Dieses Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit einer italienischen "Non Profit" Kunstgalerie in Rom, welche von Cecilia Casorati, einer Kunstlehrerin an der Akademie der Kunst in Rom, geleitet wird. Die Idee, die hinter dem Projekt steht, ist ein Netzwerk zwischen unserem Projekt (space) und anderen ähnlichen Projekten (spaces) in Europa aufzubauen. Das erste Projekt in diesem Rahmen wird im September in Zusammenarbeit mit der Galerie Cecilia Casoratis stattfinden. Das 91 qm Projekt space ist ein Kunstraum, der experimentell und unabhängig vom Kunstmarkt sein will. Unser Ziel ist es, mit dem Projekt space einen Kunstverein zu schaffen, der Kunst und kulturelle Projekte realisieren wird."



Sprungmarke: Seitenanfang.

Navigation


Schnellsuche:

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.